Tagebuch von eine(m) Art Director #8

von Thomas Desi

11898625_1152423698105825_3696896318209837476_nJetzt regnet es in Strömen, und dabei war in der Früh noch ein warmer Sommertag zu erwarten gewesen. Ich breche auf zur Rückgabe des Theaters. Das Festival schließt nahezu wie geplant mit dem Ende des Sommers. Regentropfen fallen auf mein Display und ich muss an die faszinierende Struktur von Wasser denken, man erinnere sich, Wasser wird gebildet aus je zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoff­atom.
So vielfältig und komplex wie die Durchführung eines dicht gesetzten Festivalprogramms sind auch die Eindrücke und Reaktionen, die ich von allen Seiten her bekomme. Wieder einmal mehr eine Antwort auf die Frage, was Theater sei oder sein könnte: Komprimierte Zeit.
Der Künstler schichtet Ereignisse aufeinander, um ähnlichen Ereignissen in der „Wirklichkeit“ einen Sinn zu geben – oder wenn schon kein „Sinn“, dann zumindest einen Ablauf, eine Ordnung. Und wenn auch das nicht, so muss der Künstler immerhin die Performance an ihrem Aufführungsort irgendwie vorbereiten und danach wieder abbauen.

Ich sage immer: Es ist wie beim Kochen. Die meiste Zeit vergeht mit Vorbereiten, Herräumen, Aufräumen, Wegräumen und Putzen. Und natürlich mit den ganzen unvorhergesehenen oder auch unvorhersehbaren Zwischenfällen.Die Anzahl der Polizeieinsätze wegen plaudernder Theaterbesucher nach

Irrtümlicher Rettungseinsatz bei OEDIPUS LOST

Irrtümlicher Rettungseinsatz bei OEDIPUS LOST

Vorstellungsende oder den von Anrainern als Kriminaldelikte fehlinterpretierten Performances im Areal habe ich dann nicht mehr mitgezählt, dafür hatten wir einen eigenen Mitarbeiter, und der Rettungswägen, die gerufen wurden aus denselben Gründen, waren zwei. Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich amüsiere mich darüber keineswegs, ich finde das nicht mal witzig. Es ist gut, dass das hier „bei uns“ so gut funktioniert. Hilfe wird gerufen – Hilfe kommt. Was es aber zeigt, wenn man den schützenden Bunker des „THEATERS“ verlässt, dass man sich in die fragile, gefährdete Welt des „öffentlichen“ Raumes begibt, in dem keineswegs Kunst und Theater einen selbstverständlichen Platz haben.

Es herrschen andere Gesetze, eindeutig: Einerseits, was in der Öffentlichkeit erlaubt ist, geht im Theater nicht – und umgekehrt. Da herrscht nur begrenzte Kompatibilität. Sollte das nicht zum „Nachdenken“ anregen? Ich meine, die Selbstüberschätzung der Kunstproduktion im traditionellen, aus dem 19.Jahrhundert überkommenen Bürgertheater (Sprechtheater/Oper) in Bezug auf eine Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft, die im Theater zunehmend auf eine Art Karikatur von Alltagswirklichkeit gestossen wird, die für viele nicht-Intellektuelle unverständlich ist: Für Kinder, Jugendliche, Senioren und viele Bürger beiderlei Geschlechts mit migrantischem und daher anderem als mitteleuropäischem kulturellen Hintergrund.
Das wohlmeinende Kleingeld eines von Programmmachen und Relevant-Sein gestressten Kunstsektor bedient sich bei Tagespolitik, Gesellschaftsproblemen und wohlmeinender Verwechslung von Sozialpädagogik mit Kunst.
Ja – Relevanz… das Zauberwort, das aber vergisst, vielleicht, dass viele Menschen gerade diesen „Alltag“ auch für einen Moment entweder „vergessen“ möchten, oder nach einem Wissen suchen, das „nutzlos“ ist, oder dessen Existenz sie bisher nicht einmal vermutet haben.
Das ist mir noch stärker als zuvor in den Projekten von „OEDIPUS LOST“, in „STILLE WASSER“ aufgefallen, auch in meinem eigenen Stück „UJAMAA PARADISE“ mit den Laiendarstellern aus der afrikanischen Community in Wien: Fällt der schützende Wall des „Vertrags zwischen intellektuellem/theateraffinen“ Publikum und Künstler weg, wird er durchlässig und porös, kommen völlig andere Mechanismen von „Relevanz“ und theatraler, künstlerischer Wirksamkeit zur Geltung.
Ein Festival wie die MUSIKTHEATERTAGE spielt, zumindest in seiner ersten Auflage, bewusst mit dieser 11951833_1155960277752167_6374232780428379084_nDurchlässigkeit. Meine Hoffnung war es, die 3000 Bewohnerinnen und Bewohner des „Kabelwerks“ für ein musikalisch geprägtes, performatives Theater zu interessieren. Das ist, meiner Meinung nach, den vielen Künstlern rund um Helga Utz weitestgehend gelungen, die mit mühsamer Kleinarbeit die schon erwähnten Tätigkeiten Vorbereiten, Herräumen, Aufräumen, Wegräumen und Putzen erledigten zusätzlich zur künstlerischen Gestaltung etwa dreissig wunderbarer Einzelprojekten, die wie Edelsteine einer Kette im Kabelwerk ausgelegt wurden und denen auch viele Kinder und junge Bewohner nachgejagt sind.
Die dramatischen Ereignisse, die in den letzten Tagen des Festivals parallel sich am Westbahnhof abspielten mit dem Einlagen von Wellen von tausenden Kriegsflüchtlingen aus dem nahen und mittleren Osten haben für mich persönlich wie ein Filter gewirkt auf die alltägliche künstlerische Transformation mit gesellschaftspolitischen Problemen, die in unserem Programm geboten wurde.
Wir hätten die Möglichkeit gehabt, Menschen, die ihre Zeit in Lagern sinnlos wartend absitzen müssen, einzuladen, entweder als Zuschauer oder auch als Mitwirkende, hier einen Kontakt zwischen unserer Theaterkultur und der Situation des Flüchtlings herzustellen. Einerseits aber scheiterten wir an der Mauer des Schweigens des Innenministeriums, andererseits an der diffusen gesetzlichen Lage. Wird man zum Schlepper, wenn man einen Flüchtling ins Theater bringt? Vieles ist in diesen Tagen verschwommen zwischen “Gesetz” und spontanem humanitärem Handeln. Ich persönlich habe eine Entfremdung verspürt von einem Rechtsstaat, dem die Bürger Vertrauen entgegenbringen MÜSSEN. Dazu muss man aber anfügen, dass die Politik und auch das Kulturamt sich persönlich darum bemüht haben, Wege zu finden, solche Verbindungen von Kunstdarbietungen, Theater und Flüchtlingen herzustellen. Aber – das Festival ist nun zu Ende, und die geordnete Organisation solcher notwendigen Angebote benötigt eben etwas mehr Zeit als der spontane Eingriff von wohlmeinenden Individuen.
Dabei darf man nicht vergessen, dass eine nahezu ähnliche Situation des Entfremdet-Seins schon bei vielen Österreichern, Wienern, ganz nahen Nachbarn herrscht, und zwar von Theater und Kunst. Es ist nicht sosehr der Umstand, dass diese „Wichtigeres“ zu tun haben, als ins Theater zu gehen. Nein: Es ist eher so, dass wir uns eine Gesellschaft gebaut haben, die wie im Düsenflugzeug unterwegs ist und die kaum die Möglichkeit hat, ihren Energieverbrauch, ihren Abgasausstoss, ihre abgeschlossene Situation zu korrigieren. Würde man das tun, das Düsenflugzeug müsste sofort notlanden oder würde abstürzen. Also bevorzugen die Passagiere entweder ein absurdes mehrgängiges Abendessen in zehntausend Meter Höhe, und werden in der Meinung unterstützt, dass auch in noch so exponierten Situationen der allgemeine hochkonsumptive Lebensstil ohne Beeinträchtigungen beizubehalten sei. Und letztlich alles nur eine Frage des Geldes sei. Als Gesprächsstoff dient dann die Preisgestaltung des Serviceangebotes: Überteuert bei schlechter Qualität.

Wir hatten auch Gespräche angesetzt – ”Talks” genannt und auch “Publikumsgespräche” – doch will ich meine Enttäuschung über das Ergebnis dieser Gespräche nicht verbergen, zumal ein organisatorischer Aufwand besteht, der sich irgendwie rechtfertigen muss in mehr als dem bloßen Umstand, solche Rahmenprogramme nur anzubieten und durchzuführen. Das wäre ja sinnlos. Meine persönliche Enttäuschung ist eine zweifache: Zum

Talk: Eine Art Export, Foto: Annaelle Dezsy

Talk: Eine Art Export, Foto: Annaelle Dezsy

Einen die wenig ausgeprägte und schwache Diskussionskultur. Ich würde – mottogemäß – “Eine Art Disziplin” einmahnen, wie Gespräche funktionieren. Stammtischartige Emotionsrülpser mit einer sich selbst überschätzenden Absonderung der eigenen “Meinung” ist kein Diskussionsbeitrag, sooft dies aber auch zu beobachten war. Es fehlt an Inhalten, Argumenten und Kenntnissen. Es lässt sich in einer Diskussion Wikipedia am Smartphone eben doch nicht so gut einsetzen, wie man es gerne hätte und gerade da, im spontanen Argumentieren, wäre eine Gegenüberstellung von Fakten nicht schlecht. Zum Anderen ist genau das Gegenteil des “Stammtischrülpsers” ebenso ein Problem: Die Kapitulation vor dem Gesprächspartner aus reiner Höflichkeit oder vorauseilendem Gehorsam, um jeglicher konfliktueller Diskussion das Wasser abzudrehen. Daraus wird auch nichts werden, wenn wir, aus unterschiedlichen Kulturen beispielsweise, mit freundlichen Worthülsen bespeisen, anstatt klar zu sagen, dass unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Religionen eben nicht zu kittende Differenzen aufweisen und die Frage weder sein kann, welche die bessere oder gar beste sei, noch welcher man anhängt nur weil sie einem näher ist aus der Sozialisierung.

Für unsere Gesellschaft wird es lebensnotwendig sein, Unterschiede anerkennen zu können, um weder in falsch verstandener Toleranz noch in nationalistischer oder rassistischer Dumpfheit (also als Xenophilie oder Xenophobie) den Druckkochtopf, in dem wir ALLE sitzen, weiter anzuheizen und zur Explosion zu bringen. Nein, ich sage doch, es ist wie beim Kochen: Langsam und nicht zu heiss!

Apropos “heiss” und dadurch Überhitzung: Ich ahne, dass unserem gesellschaftlichen Düsenflugzeug die Puste ausgehen wird, abgesehen davon, dass es ohnehin dringend einer generellen Neuerfindung dieser Wohlstandsgesellschaft bedarf. Dazu kann meiner Meinung nach Theater sehr wohl einen Beitrag leisten. Und daher nochmals zurück zum Festival, zwischen den eher konventionellen Formen IM Theater und denen die AUSSERHALB stattfanden. Gerade das, was da beim Festival draussen „passiert“ ist, waren für mich die

pizz

PIZZERIA ANARCHIA, Foto: Vincent Stefan

Wasserstoffatome zum großen Sauerstoffatom „Theater“, irgendwie brachten sie den Fluss in das Ganze rein. Ich meine damit also einerseits die sich einer nicht immer ganz wohlmeinenden Öffentlichkeit aussetzenden Künstler im Areal, andererseits die Zeitläufte, die eine Doppelbelichtung von Wirklichkeit und Kunst zustande brachten – wie etwa die Punks aus der „PIZZERIA ANARCHIA“, die unsere Bühne besetzten – wo tatsächlich die Besucher SICH SELSBT AUF DER BÜHNE ALS FIGUREN sehen konnten. Und mit dem, was sie da sahenerwartungsgemäß wenig zufrieden waren. Das hat mich besonders bei den Punks gewundert, die sich selbst als zu wenig schön dargestellt empfanden. Man frage mich nicht danach, ich habe es auch nicht verstanden.

So bleibt zumindest in vielem eine Frage offen – und genau an diesem Punkt kann die Gesellschaft ins Gespräch kommen. Das war das, was auch im Gespräch mit Ashura Kayupaupa aus Dar-es-Salaam und im Producers Meeting mit 12 internationalen künstlerischen Leitern beim Festival und in Einzelgesprächen immer wieder herauskam: Wir müssen miteinander sprechen, im Gespräch bleiben, keine Gesprächstüren zuschlagen. Unsere Angst vor der Zukunft kann nicht zu einer Verweigerung der Wirklichkeit führen. „The rest must not be silence.“
Ich wische die Regentropfen von meinem Display und bin dankbar für das gute Wasser, dass aus unseren Wasserleitungen in Wien sprudelt und mache mir jetzt mal einen Kaffee…
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